Unentdecktes Land

Hier entsteht die Internet-Präsenz der Ausstellung des Unentdecktes Land e.V.

 


 

Wer vom Osten schreiben will ...

Aufruf zur Materialeinreichung
für die Ausstellung »Unentdecktes Land«

Der Verein »Unentdecktes Land« erstellt eine Freiluft-Wanderausstellung zu Entstehung, Entwicklung und Ende der DDR, zur Annexion der DDR durch die BRD und zur Entwicklung seit 1990. Zusätzlich wird ein ausführlicherer Ausstellungskatalog und ein Ausstellungs-Webauftritt / Datenbank erarbeitet. Für die Erarbeitung der Ausstellung wurde eine Redaktion ins Leben gerufen, die hiermit dazu einlädt und aufruft, die inhaltliche Arbeit zu unterstützen.

POST: Unentdecktes Land e.V., Redaktion · Karl-Kunger-Str. 2 · 12435 Berlin
EMAIL: ausstellung@unentdecktes-land.org · TELEFON: 030 / 449 10 45

Die Redaktion sammelt Materialeinreichungen aller Art (Textempfehlungen, Überblicksdarstellungen, Bildsammlungen, Statistiken, Detail-Fachtexte etc.) zu den Themen der Freiluft-Ausstellung: Wirtschaftsgeschichte, Recht, Gesundheitswesen, Bildungswesen, soziale und rechtliche Lage der Frauen, Annexion/Treuhandpolitik, Nazismus und Antifaschismus, Demographie, DDR-Bezirke (je DDR-Bezirk ein Schwerpunkt-Thema) sowie zu sonstigen Themen (Landwirtschaft, Internationalismus, Kultur, Sexualität/Homosexualität, Sport, ...) für Katalog und Webauftritt der Ausstellung.

Für die Freiluft-Ausstellung erstellt die Redaktion je Thema eine Überblicksdarstellung von ca. 10.000 Zeichen Umfang zuzüglich 3 bis 7 graphischen Elementen (Bild, Graphik, Tabelle, Zitat, Zeitungsausschnitt, ...).

Die Überblicksdarstellungen sollen jeweils möglichst 4 Aspekte ansprechen:

a) Zur Entstehung der DDR (antifaschistisch-demokratische Umwälzung);
b) Zur Entwicklung in der DDR (gegebenenfalls sozialistischer Charakter);
c) Zum internationalen Vergleich, zum Vergleich mit der BRD;
d) Zur Annexion und zur Entwicklung seit 1990.

Die Überblicksdarstellungen sollen 3 Formvorgaben folgen:

a) quellengestützt (Autor, Titel, Erscheinungsort, Erscheinungsjahr, Seiten-
angaben bei Printmedien, URL nebst Zugriffsdatum bei Webmedien);
b) falls vorhanden, mit O-Ton, O-Bild, Zitat, Statistik und anderem Material;
c) allgemeinverständlich und anschaulich.

Die Ausstellung »Unentdecktes Land« soll bis Ende 2017 fertiggestellt werden.

 


 

Inhalt der Ausstellung von 2007
Inhalt der Ausstellung von 2007

Wie alles begann ... der Wenzel ist schuld

Vor 10 Jahren muss es gewesen sein, dass wir, damals in der FDJ Berlin tätig, gleichzeitig beeindruckt von zweierlei, auf die Idee einer „DDR-Ausstellung“ kamen. Zum einen ging uns jene Dreistigkeit nationalen Gebrülls, die man uns regelmäßig zum 3. Oktober servierte, gehörig auf den Nerv. Zum anderen erschienen in dieser Zeit lang ersehnte Gegendarstellungen* (*eigentlich war Siegfried Wenzel mit seinem Buch „Was war die DDR wert?“ an allem schuld), die der Verdummung von der „Pleite-Republik“, dem „Verschuldungsmonster DDR ... marode blablabla“ ganz trefflich wissenschaftlich widersprachen. Das brachte uns auf Ideen. Das nächste „Deutschlandfest“ besuchten wie mit „staatsfeindlichen“ T-Shirts, die auf den Republikgeburtstag am 7. Oktober verwiesen. Auf dem Alex hingegen zu gleicher Zeit trumpften wir mit Inhalt massiv. Nicht irgendein Inhalt, sondern Fakten und flotte Sprüche zur DDR.

Und weil wir was zu sagen hatten und zu zeigen, das allemal gut genug ist, dass man sich‘s selber abholt, drückten wir den Leuten mal kein Flugblatt in die Hand. Sondern schrieben ein „Flugblatt“ in Plakatgröße, ein24seitiges, Peng und Knall! So groß, dass man es auf- und ausstellen konnte, musste und tat. Der erste Versuch dieser Ausstellung war nicht mehr als ein oller Bretterverschlag, bespannt mit bedrucktem Papier, das vollgeschrieben ward mit statistischen Daten zur Wirtschaft der DDR, der Treuhand usw. Nichts Geheimes, nichts Ausgedachtes, nichts Neuentdecktes, eher Wiederentdecktes. Zahlen aus Statistischen Standardwerken der BRD, ein paar Zusammenhänge aus diesem und jenem Buch, Fakten und Zitate, ein Wort zu „DDR-Schulden“, Geld und Staatsfinanzen, dazu gab‘s Fazit obendrauf. Wir dachten, es würde interessieren, weil es uns sehr interessierte.

Diese Laube, die wir „DDR-Ausstellung“ nannten, konnte nicht mal allein stehen und war ständig in Begriff, die Passanten unter einer Lawine von Holzspänen zu begraben, anstatt sie zu informieren. Es war nicht nur die hässlichste „DDR-Ausstellung“ aller Zeiten, weil es die einzige „DDR-Ausstellung“ aller Zeiten war.

Schön, wenn auch mal was funktioniert

Wie jetzt ... Die bleiben ja alle stehen, nicht um zu meckern, sondern um zu lesen! Die Ausstellung ist nie mehr allein in diesen Tagen, immer sind Leute da, über Tausend die Woche. Manchmal bilden sich spontan Trauben vor diesem oder jenem Ausstellungsgerüst, das wir dann heimlich schwitzend festhalten, weil es sich trotz stahlharten Inhalts segelflugartig auf den Weg machen will. Was war das nicht für ein unbrauchbares Holzlattenunglück! Doch es hielt die Woche.

Diskussionen entspannen sich am laufenden Band, irgendwann schon nicht mehr mit uns. Sondern irgendwie die mit dem und der mit ihr. Zwischen der Arbeiterin mit den schweren Feierabendeinkaufstaschen, die uns ein Lächeln schenkt, während sie den Lackaffen ausm Westen runterputzt, der sich nicht mehr einkriegt, weil diese Ossis sich zu undankbar geben. Manche lassen sich nur mit Hinweis auf unseren Ausstellungskatalog davon abhalten, stundenlang aber auch jede Zeile der Ausstellung zu lesen und abzufotografieren. Der „Katalog“ (so nannten wir dieses geheftete Kopierpapier) ist nicht nur für diese die Rettung, sondern auch für all jene, die mehr Interesse als Zeit haben. Nur die große Nachfrage nach diesem „Katalog“ ließ es verschmerzen, dass immer einer fehlte, weil er mal wieder nachkopiert werden musste.

Wir hatten in diesen Tagen trotz der ganzen Pannen was sehr richtig gemacht, einen politischen Nerv getroffen. Man merkte an den Reaktionen und der Stimmung, dass die Ausstellung nicht nur die Vorurteile und Behauptungen der Gegner ins Wanken brachte, sondern auch das Kleinlaute am zaghaften Widerspruch der Ossis vor Ort. Diesen brachten sie nun mitunter herzlich direkt an. Was auf den Tafeln stand, war auch eine Bewertung ihrer Leistungen, die wir gegen die Entwertung ihrer Lebensläufe in Stellung brachten. Die Leute und auch wir trugen den Kopf gemeinsam ein wenig höher in diesen Tagen auf dem Alex.

Wir waren am Ende unserer ersten Ausstellungswoche müde, aber happy. Klar war, dass es weitergehen sollte mit der „DDR-Ausstellung“. Alles sollte besser, schöner, toller, wissenschaftlicher und vor allem windsicherer werden.

Ausstellung 1.5 mit kleinem Rick und großem Talent

Ein Jahr später traten wie erneut an. Aber auch wenn die Schubladen mit Plänen für eine vollkommen überarbeitete Ausstellung platzten, war die 2006 abgesehen von ein paar Überarbeitungen jedenfalls inhaltlich die gleiche wie 2005. Zu groß die Materialfülle, aber auch zu mannigfaltig und zerkrümelt unsere vielen Aktionen damals. Schlechte Voraussetzungen für das Setzen von Prioritäten und ein stetiges Arbeiten daran. Struktur kannten wir nicht, wir waren jung.

Jung war auch der kleine Rick mit dem großen Talent, der uns Ausstellungsgerüste zimmerte, die einfach nur Postkarte waren, was hermachten, zum Verlieben. Auch wenn diese später in Berlin nochmals perfektioniert und erweitert wurden – so sollten sie doch das Rückgrat der Ausstellung werden: jene 4 Ausstellungsgerüste mit je 6 Tafelflächen auf Basis der genialen Konstruktion des kleinen Rick. Er hat sich damit ein Denkmal gesetzt, das kein Segelflugzeugwind mehr wegträgt.

Nochmals kamen mehr Leute zur Ausstellung, die im Zentrum des Alexanderplatzes stand. Diesmal zählten wir auch ein wenig genauer, kamen auf 3000 Besucher in jener Woche. Knapp 200 Kataloge wurden verkauft. Manche nahmen gleich noch mit für die bucklige Verwandtschaft, Kumpels und Kollegen. Einer auch ganz speziell für seinen Bruder, „das Arschloch ausm Westen“, um dem mal die Meinung zu geigen und so. Ja, zu erzählen hatten viele was, Geschichten, ein Dutzend an jedem Ausstellungstag. Wenn auch unsere Tabellen und Wirtschaftszahlen, Statistiken von der DDR nur indirekt vom Lebenswerk der 17 Millionen erzählten: als uns die Leute berichteten, erwachte die Theorie zum Leben. Es machte Riesenspaß, die Schule des Lebens. Erstaunlich waren aber auch die „leisen Leser“. Pro Tag wohl um die 20, über eine Stunde lasen sie jede Zeile und machten sich geheimnisvolle Notizen. Oft ließen sie ein müdes, leises, nicht kämpferisches „Gut, dass ihr das hier macht“ zurück, was uns sehr bewegte.

Weniger wichtig für uns, aber dafür umso folgenreicher war die mit einem Artikel in der Morgenpost einsetzende Pressekampagne gegen die FDJ und ihre DDR-Ausstellung, die uns nun via „Journalisten“ jeden Tag begleitete, getragen natürlich durch die Flaggschiffe des Springerkonzerns Bild, BZ usw.

Dornröschenschlaf im Keller, nicht im Eimer

Trotz aller Pläne mit der Ausstellung, sie blieb nur ein Projekt von vielen der FDJ Berlin, zu vielen. Sollte die DDR zum Mittelpunkt unserer Arbeit werden, an anderen Orten mit anderen politischen Zusammenhängen sah man das anders. Es wuchsen die Widersprüche längst nicht nur in dieser Frage. Sie wuchsen innerhalb der Organisation, so wie sie von außen auf uns einschlugen, und ja, wir wurden auch älter. So kam es zur Auflösung der Gruppe in Berlin. Einer der letzten aktiven Schritte für die Ausstellung war der Aus- und Umbau der Gerüste: stabiler, schöner und doppelt so viele. Dann lagerten wir alles ein, in einen finsteren, feuchten Keller. Wieso eigentlich? Die Ideen wanderten nicht mit in dieses Loch, sondern blieben in unseren Köpfen. Davon geredet wurde irgendwie immer, „man müsste, sollte“, „weißt du noch, damals diese Ausstellung ...?“

Die steht bis heute still im Keller, doch die Zeit steht nicht still. Die DDR, ein mopsfideler Widerspruch zum Gestern und Heute, all dem Verstaubten, dieses real existierende „Anders“, von dem unbedingt abgelenkt werden muss, ist anhänglich wie Kaugummi unterm Turnschuh.

Welch ein Anreiz der Neugier, mutige Wissenschaftler forschten weiter, vieles ist jetzt besser zu verstehen, vieles tiefer ausgegraben unterm Lügenberg, vieles wiederentdeckt. Ein Herr Heske z.B. berechnete die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der DDR – ein Paukenschlag. Der, auch wenn ihn keiner hören soll, endgültig die Mär vom wirtschaftlichen Stillstand der DDR widerlegt. Doch all die neuen Fakten bleiben unbekannt, weil sie der Literaturbetrieb der BRD systematisch verschweigt.

So bohren sie in uns, die Widersprüche, die der Bezug auf die DDR jeden Tag auf die Straßen des kolonisierten Ostens spült und wie Entwicklerflüssigkeit für den Kontrast sorgt. Das alles muss, in Zusammenhang gebracht, auf die Straße – irgendwann, irgendwie, irgendwo!

Wie alles weitergeht

... weiß man selten genau ... Aber wir wissen genau, was wir vorhaben: Eine neue, bessere, wenn nicht die beste „DDR-Ausstellung“ aller Zeiten. Alles auf den Tisch gepackt, sehen die Voraussetzungen gar nicht so schlecht aus. Wir haben 48 Ausstellungstafelflächen, getragen von 8 legendären Ausstellungsgerüsten mit reichlich Outdoor-Erfahrung und Ideen für 148 Ausstellungstafeln. Wir haben die Alten mit ihren Erfahrungen, mit der Lust, sich dem Zeitgeist mit einer guten Ausstellung zum Thema „Wiederentdeckung der DDR“ in den Weg zu stellen, und wir haben zum Glück die Neuen und einen Ort, an dem sich das trifft und zankt und zaubert, den Verein „Unentdecktes Land e.V.“ Natürlich trotzdem viel zu wenig Leute und zeitlich alles hoffnungslos knapp, vom Geld reden wir mal gar nicht erst. Also alles wie immer, aber nicht alles auf Null! Wir sitzen auf einem Schatz an Wissen und Erfahrungen von 17 Millionen Menschen mal 40 Jahren, und überall sitzen gute Leute, die zu diesem oder jenem „DDR-Thema“ um Längen besser Bescheid wissen als wir. Die wollen wir finden.

Zu der gigantischen Datenbank, die uns die Deutsche Demokratische Republik mit ihrer Literatur hinterließ, kommt eine ganz neue Rubrik: eine ganze Generation an Wissenschaftlern und Zeitzeugen hat über die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und geopolitischen Folgen der Annexion der DDR als der größten Vernichtung gesellschaftlichen Eigentums seit dem 2. Weltkrieg geforscht, ermittelt, nachgedacht und aufgeschrieben. Das wollen wir sichten und uns dessen bedienen und bleiben ganz Ohr und Auge für Neues aus dem Osten, der nie Westen sein wird.

Von dieser Begeisterung an der Wiederentdeckung eines unentdeckten Landes wollen wir abgeben, wollen anstecken damit. Wir hoffen auf Unterstützung, Rat und Tat von allen, die Lust auf diese Entdeckungsfahrt haben, eine Fahrt hinaus über den Horizont, denn die Welt ist rund und keine Scheibe, wie uns all die bunten Zeitungen, Aufarbeitungsinstitute und Hubertus Knabenchöre weismachen wollen.